Der Anhalter Garten
Die Züge haben angehalten und einem Garten Platz gemacht. Rosenkugel, Gipsgrazie und Gartenzwerg dieses Gartens sind Badewanne, Einkaufswagen und Blechdosenskulptur. Laube und Teepavillon sind Güterwaggon und Eisengerüst. Wege, Beeteinfassungen und Pflanzflächen sind Bahnsteige, Gleise und Ruinen. Die Universal-Blumenerde besteht aus Sand, Schotter und Trümmerschutt. Der Zaun ist die Stadt.
Den Anfang übernahmen vor ein paar Jahrzehnten ein paar Kräuter- und Birkensamen. Sie beschlossen, in einer Fuge zwischen Betonplatten oder irgendwo im Gleisschotter zu keimen und stellten überrascht fest, dass außer ihnen niemand mehr da war. Also blieben sie und brachten Freunde und Kollegen mit, jedes Jahr mehr. Sie begannen Humus, Kühle, Schatten und Feuchtigkeit zu produzieren und machten sich´s in der Unwirtlichkeit nach und nach gemütlich. Auf diese Weise entstand aus dem Bahnhof ein Garten voller Eigensinn. Dieser Garten schafft sich selbst. Er ist sein eigener Gärtner und Gestalter. Er formiert malerische Bilder, vor denen Altmeister wie Lenné und Friedrich womöglich ihre Kunstgärtner-, Maler- und sonstigen Hüte gezogen hätten. Er bildet unzertrennliche Baumpaare, lockere Haine und undurchdringliche Dschungelpartien. Spezielle Gärtnergehilfen machen mit: Hier pflanzt ein Eichhörnchen eine Haselnuss an einem Platz seiner Wahl, dort sorgt ein Rotschwanz nach Gutdünken für Holundernachwuchs.
Ausländerfeindlichkeit ist dem Garten fremd. Europäer, Amerikaner und Asiaten bilden hier jederzeit Partnerschaften: Hier umarmt ein Eschenahorn eine Birke, dort küsst eine Weichselkirsche einen Götterbaum. Im zugleich schnellen und geruhsamen, spontan und sorgsam vorbereiteten Bauplan bleibt auch noch Raum für sonnige Terrassen und lauschige Aufenthaltsplätze, genauso wie Zweibeiner mit künstlichen Fellen sie gern mögen.
Das ehrgeizigste Gartenziel scheint der Aufbau eines neuartigen Mischwaldes zu sein. Jedes Jahr rückt es ein kleines Stück näher. Wir haben uns die Freiheit genommen, in den Jahren, die wir haben, behutsam teilnehmende Zaungäste zu sein.
Der Anhalter Garten befindet sich neben dem Museum für Verkehr und Technik in Berlin Kreuzberg. Er ist über die Einfahrt Möckernstraße/Ecke Tempelhofer Ufer zu erreichen., wenn man der Pomp Duck-Beschilderung folgt.
















